Flucht vor dem Schneesturm – survival.ch Story

06.00 an einem wolkenlosen Morgen im Frühjahr. Die Temperaturen fielen in der Nacht unter die 0 Grad Grenze, was die ganze Geschichte ein wenig interessanter macht. Ich befinde mich auf rund 1800 M.ü.M in einem abgeschiedenen Seitental des Kantons Wallis. Nachdem ich mein Equipment kontrolliert hatte marschierte ich in der Dämmerung los. Ich wanderte über frisch verwehte Schneefelder, vorbei an gefroren Bächen und Nadelwäldern, deren Nadelspitzen vereist waren. Ich genoss die unglaublich tiefe Stille, die im Wald herrschte. Für mich die ideale Möglichkeit meinen Kopf freizubekommen.

 

 
 

Die Zeit verstrich, und die Sonne ging langsam auf. Während ich auf einem dünnen Pfad den Bergrücken hinaufstieg, kreuzte eine Gruppe Alpensteinböcke meinen Weg. Ich hielt kurz inne, um diese imposanten Tiere zu beobachten. Sie sind für mich der Inbegriff von einem "alpinen Survivalexperten", da sie unter solch extremen Bedingungen bestehen müssen. Nachdem diese weiterzogen, ging auch ich meines Weges.

 

Nach weiteren Stunden des Wanderns erreichte ich schliesslich eine Anhöhe auf 2200 M.ü.M - der beissende Wind peitschte mir ins Gesicht, und ich sah am Horizont düstere Wolken heranziehen, die sicher nichts Gutes verhiessen. Ich warf einen kurzen Blick auf meine Landkarte - das nächste Dorf war mehrere Stunden Marsch entfernt. So schmiedete ich mir einen Plan, und versuchte mich möglichst schnell in den Wald zu begeben, bevor ein Schneesturm hereinbrach. Ich hastete über die schneebedeckte Alpenwiese und bevor ich den Wald erreichen konnte, musste ich mich über ein drei Meter breites Schneefeld begeben, das einen Teil des Weges verschüttet hatte. Mit allergrösster Vorsicht begann ich diese exponierte Stelle zu überqueren, indem ich mit der harten Sohle meiner Bergschuhe stufenartige Kerben in den angefrorenen Schnee schlug. Auf diese Weise hatte ich solche Situationen schon einige Male gemeistert. Doch heute sollte dies anders sein: Auf dem letzten Meter brach der Schnee unter mir weg und ich verlor den Halt. Tausend Gedanken schossen mir gleichzeitig durch meinen Kopf, als ich mit zunehmender Geschwindigkeit in Richtung Abgrund rutschte. Mir fiel ein, Arme und Beine breit zu spreizen, um möglichst viel Reibung und dadurch eine Bremswirkung zu erzeugen. Auf einmal sah ich einen Strauch, der unter dem Schnee hervorragte. Ich griff instinktiv mit nur einer Hand danach...und erwischte ihn! Mit einem abrupten Ruck kam ich zum Stillstand, und nun griff ich auch mit meiner zweiten Hand danach. Ich hievte mich hoch und rettete mich seitlich auf einen Vorsprung. Ich zitterte am ganzen Körper und musste mich erst einmal beruhigen. Als ich realisierte, wie weit es noch bis zum Abgrund war, stockte mir der Atem. Ich befand mich 4 Meter davor, danach ging es 40-50 m senkrecht in die Tiefe. 

Nachdem ich wieder auf den Wanderweg hochklettern konnte, setzte ich so schnell wie möglich die Wanderung fort, und schon bald erreichte ich den schützenden Wald, wo ich auch Unterschlupf vor der Wetterfront fand. Der Schock steckte danach noch eine Weile in meinen Knochen.

 
 

Als ich dann abends vor meinem Lagerfeuer sass, dachte ich über dieses Ereignis nach. Es zeigte mir einmal mehr, dass trotz aller Erfahrung die man besitzt, dennoch etwas schiefgehen kann. Denn ich wette, wenn ich das gewollt wiederholen würde, würde ich diesen Strauch niemals erwischen, geschweige denn mein gesamtes Gewicht inkl. Mehrtagesrucksack an einem Arm bremsen und tragen können. Ich denke es war der innere Überlebensdrang sowie eine gehörige Portion Adrenalin, welches in diesem kritischen Moment durch meinen gesamten Körper schoss. Aber ich muss zugeben, diese Erfahrung wird mich nicht aufhalten, mich in weitere Abenteuer zu stürzen. Im Gegenteil, es ist eine weitere wichtige Lektion des Lebens, im Moment zu leben und jeden einzelnen Moment auszukosten und zu geniessen, denn es kann sehr schnell vorbei sein. Egal wie vorsichtig man ist.

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(4) Kommentare

  • Obacht geben, länger leben!

    Was für eine spannende Geschichte! Ein Glück, dass das nochmal gut ausgegangen ist....

  • kindergarten

    naja wenn man in die berge geht sollte man auch planen und auch mal in den wetterbericht blicken.

  • Um Haaresbreite

    Es ist höchst erstaunlich wozu ein Mensch in einer Notsituation in der Lage ist. Adrenalin, Überlebenswille und eine Spur Glück kann alles entscheiden. Viel Glück auf deinen kommenden Abenteuerreisen.

  • coole story!

    durch die interessante schreibweise dieser geschichte, vertieft sich der leser sofort in ein abendteuer, als wäre man dabei gewesen! sehr rührend. zum glück konntest du dich instinktiv aus dieser situation retten! wäre cool wenn du noch weitere solcher geschichten auf lager hast!

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